Die meisten Vögel fliegen während der Brutzeit mehrmals täglich auf Nahrungssuche für ihre Küken.

Albatrosse und die mit ihnen verwandten Sturmvögel machen genau das Gegenteil: Solange sich im Nest das Ei befindet, verbringt einer der Eltern Tage oder sogar Wochen auf See um Futter zu finden, während der andere die ganze Zeit über am Nest verbleibt und das Ei bebrütet. Kehrt der Partner von seiner Reise zurück, dann werden die Rollen getauscht.

Ist das Küken geschlüpft, dann muß auch dieses Tage oder manchmal Wochen ganz alleine ohne was zu Essen auf der Insel warten, weil beide Eltern auf Nahrungssuche sind. Bei fast allen Vogelarten wäre das Küken schon längst verhungert, wenn die Eltern erst nach so langer Zeit zum Nest zurückkehren. Aber nicht bei Albatrossen, denn diese Vögel haben eine besondere Methode, Nahrung zu speichern: Ihr Verdauungstrakt (das sind die ganzen Teile, die die Nahrung im Bauch durchwandert) funktioniert wie ein Scheidetrichter.

Wißt Ihr was ein Scheidetrichter ist? Man benutzt ihn um Flüssigkeiten unterschiedlicher Dichte zu trennen. „Unterschiedlicher Dichte" bedeutet dabei, daß die Flüssigkeiten bei der gleichen Menge an Flüssigkeit unterschiedlich schwer sind. In einem Scheidetrichter schwimmt die leichtere Flüssigkeit dann auf der schwereren. Am Boden des Trichters ist ein Loch und so kann man die untere - schwerere - Flüssigkeit ganz einfach ablassen. Hier unten könnt Ihr sehen, wie so ein Scheidetrichter funktioniert. Zuerst gießen wir ein Gemisch aus Salatöl (gelb gefärbt) und Wasser (rot gefärbt) in den Trichter. Anfangs sind Öl und Wasser gut miteinander vermischt. Nach einer Weile aber steigen die ganzen kleinen Ölkügelchen nach oben (sie sind leichter als Wasser) und verschmelzen miteinander. Das Gemisch ist jetzt deutlich in die beiden Phasen getrennt, das Öl schwimmt auf dem Wasser. Will man die Flüssigkeiten nun voneinander trennen, braucht man nur den Hahn am Boden des Trichters öffnen und das Wasser herausfließen lassen. Zurück bleibt reines Öl.

 

Step 1Step 2Step 3Step 4
Wenn Ihr hier klickt, seht Ihr einen kleinen Film dazu.

Genau das macht auch der erste Teil des Verdauungstraktes bei Albatrossen und den Sturmvögeln, ihren Verwandten. Die Beutetiere, die ein Albatros verschluckt, könnt Ihr Euch einfach als ein kompaktes Gemisch aus vielen verschiedenen Komponenten vorstellen: dies sind vor allem Fett, Wasser und Eiweiße aber auch noch viele andere Stoffe. Wird nun ein Fisch verschluckt, dann beginnt im Proventrikulus (das ist die erste Kammer des Magen-Darm-Trakts) sogleich die Verdauung.

Nach einiger Zeit ist das gefangene Tier nur noch ein flüssiges Gemisch im Proventrikulus, es ist verdaut. Das Gemisch besteht aus zwei Phasen, der Fettphase und der Wasserphase, in der viele andere Komponenten (z. B. Salze) gelöst sind. Daß Fett sich nicht in Wasser löst, wißt Ihr bestimmt, das seht Ihr z. B. an den Fettaugen in einer Hühnersuppe. Genau wie im Scheidetrichter trennen sich auch im Proventrikulus diese beiden Phasen; oben schwimmt das ölige Fett, unten ist das Wasser. Dann öffnet sich unten im Proventrikulus ein Loch, welches in die nachfolgenden Teile des Verdauungstraktes führt. Die Wasserphase wird abgelassen und die verschiedenen darin enthaltenen Bestandteile dienen dem Albatros als Nahrung.

Das Fett verbleibt im Proventrikulus. Der Albatros kann jetzt wieder neue Beute fangen, denn es ist ja wieder Platz da. Und so geht es weiter: Verdauung, Trennen der Phasen, Ablassen des Wassers und wieder von vorne, bis der ganze Proventrikulus voll mit dem öligen Fett ist. Dann kehrt der Albatros heim zu seinem Nest.

X-ray photo: oil and water separate in the proventriculus

Hier seht Ihr ein Röntgenbild von diesem Vorgang. Der Kopf des Vogels geht nach links, der Schwanz nach rechts. Das Fußball-ähnliche Teil in der Mitte ist der Proventrikulus, der Scheidetrichter des Albatrosses. Hier findet die Verdauung und das Trennen der beiden Phasen statt. Die Wasserschicht ist schwarz und liegt unten im Proventrikulus. Die Ölschicht ist heller und schwimmt auf dem Wasser. Unten im Proventrikulus ist das Loch, durch das das Wasser abgelassen wird. Seht Ihr die dunklen Kleckse, die den Darm entlang wandern? Was ist das? Yammi! Vogelscheiße.

Warum machen die Albatrosse all das? Nun, diese Riesenladung an Fett zahlt sich später aus. Fett enthält sehr viel Energie, die alle Organismen zum Leben brauchen. Wenn der Albatros nach seinem Futtertrip Tage oder Wochen auf der Insel festsitzt, weil er das Ei bebrütet, dann läßt er jeden Tag ein bißchen Öl aus seinem Speicher in den Darm, wo es ins Blut aufgenommen wird und als Energiequelle für den Vogel dient. Ein toller Trick, oder? Allerdings muß man neben dem Essen ja auch noch was trinken. Und hat der Albatros nicht vor einiger Zeit auf dem Ozean das Wasser vom Fett getrennt? Dieses Wasser ist längst verloren! Was tun? Es ist wieder das Fett, welches das Problem löst und das ist das tolle an diesem Nährstoff.

Wenn Fett im Körper abgebaut wird, um Energie zu erzeugen, dann entsteht dabei auch Wasser. Für jedes Gramm Fett, das metabolisiert (abgebaut) wird, entstehen tatsächlich 1,07 Gramm Wasser! Albatrosse haben also nicht nur eine Energiequelle sondern gleichzeitig auch einen indirekten Wasserspeicher. Und jetzt ist uns klar, wie ein Albatros so lange Zeit auf seinem Ei sitzen kann ohne zu verhungern oder verdursten.

 

This page last updated on July 27, 1998 08:00 AM

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